Doppelmoral in der Union: Warum Jens Spahns Rücktritt ein moralischer Tiefpunkt ist
18. Juli 2026
Jens Spahn ist als Vorsitzender der Unionsfraktion zurückgetreten. Nicht wegen politischer Fehlentscheidungen, nicht wegen verschwendeter Steuergelder – sondern weil er und sein Ehemann mithilfe einer Leihmutter in den USA Vater geworden sind. Für mich markiert dieser Vorgang einen absoluten Tiefpunkt für die Union und ihr moralisches Koordinatensystem.
Jens Spahn hat sich in seiner politischen Laufbahn sicherlich vieles zuschulden kommen lassen, was man ihm hart anlasten muss. Aber die persönliche Verantwortung für ein neues Leben zu übernehmen, gehört ganz sicher nicht dazu – auch nicht, wenn der Weg zur Familie über eine Leihmutterschaft führt.
Maskenskandal verziehen – Familiengründung abgestraft
Wenn wir uns ansehen, welche Prioritäten in der Union gesetzt werden, wird das verzerrende Maß an Heuchelei offensichtlich: Den skandalösen Umgang mit der Beschaffung von Schutzmasken während der Pandemie – bei dem es um handfeste Vetternwirtschaft und die Verschwendung von Milliarden an Steuergeldern ging – konnte die Union ihrem damaligen Gesundheitsminister problemlos verzeihen. Er blieb in der ersten Reihe. Aber die Familiengründung mit seinem Ehemann via Leihmutter bricht ihm politisch das Genick?
Was sagt uns das über das Staats- und Moralverständnis der CDU/CSU? Es zeigt, dass für viele Konservative der Schutz von traditionellen, rigiden Ideologien immer noch höher steht als das persönliche Glück und die Übernahme von Verantwortung für ein Kind.
Die Legende von der „Doppelmoral“
Manche in der Union versuchen jetzt, das Narrativ zu drehen: Nicht die Vaterschaft an sich sei das Problem, sondern Spahns frühere politische Haltung, da er selbst noch vor wenigen Jahren die Leihmutterschaft in Deutschland strikt abgelehnt hat.
Klar, man kann ihm hier eine Wende oder Doppelmoral vorwerfen. Aber seit wann stört sich die Union an Doppelmoral?
Wenn politische Glaubwürdigkeit und das Abrücken von früheren Grundsätzen in der CDU plötzlich der Maßstab für Rücktritte wären, müsste die Partei sofort am Stuhl von Kanzler Friedrich Merz sägen. Während der Ampel-Regierung wiederholte Merz jahrelang gebetsmühlenartig, dass Deutschland kein Einnahmen-, sondern ein reines Ausgabenproblem habe und auf keinen Fall neue Schulden aufnehmen dürfe. Und was passierte nach der Wahl? Seine Regierung brachte die größten Schuldenpakete in der Geschichte der Bundesrepublik auf den Weg, um mit Hunderten Milliarden Euro fleißig politische Versprechen und Wahlgeschenke zu finanzieren.
Das zweierlei Maß der Union: Milliardenschwere Neuverschuldung entgegen aller Wahlkampfversprechen wird als staatspolitische Notwendigkeit verkauft. Eine persönliche Familiengründung abseits des traditionellen Rastermodells führt zum politischen Abschuss.
Fortschritt muss gegen die Union erkämpft werden
Was nach diesem Rücktritt bleibt, ist ein desaströses, rückwärtsgewandtes Bild der größten Regierungsfraktion. Es bestätigt eine Lektion, die wir in der Politik leider immer wieder beobachten müssen:
Gesellschaftlicher Fortschritt, individuelle Freiheit und moderne Lebensrealitäten werden nicht mit der Union gestaltet – sie müssen stets gegen die Union erkämpft werden.
Wir brauchen eine Politik, die mitrechnet und sich um die realen Aufgaben unseres Landes kümmert: eine funktionierende, schnelle Verwaltung, moderne Schulen und eine digitale Infrastruktur, die vor Ort bei den Menschen funktioniert. Politik muss Rahmenbedingungen für ein selbstbestimmtes Leben schaffen – statt sich als moralischer Sittenwächter über die privaten Lebensentwürfe von Menschen zu schwingen.