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Krankschreibung ab Tag eins: Misstrauen ist kein Standortvorteil

4. Juli 2026

„Wir können uns diesen Wettbewerbsnachteil durch lange Abwesenheiten in den Unternehmen nicht mehr leisten." Mit diesem Satz hat Friedrich Merz die neuen Regeln zur Krankschreibung begründet, auf die sich CDU/CSU und SPD im Koalitionsausschuss geeinigt haben. Drei Dinge stehen im Papier: Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft, das Attest soll künftig ab dem ersten Krankheitstag Pflicht sein, und Ärztinnen und Ärzte, die falsch krankschreiben, sollen härter bestraft werden.

Ich halte das für den falschen Weg. Nicht, weil ich Missbrauch schönrede — sondern weil diese Regeln das eigentliche Problem nicht lösen, dafür aber ein neues schaffen: Misstrauen als gesetzlichen Normalfall.

Was sich wirklich ändert

Reden wir über Fakten, denn hier wird viel durcheinandergeworfen. Schon heute darf jeder Arbeitgeber ein Attest ab dem ersten Tag verlangen — das ist geltendes Recht. Die gesetzliche Grundregel lautet bisher nur: Ab dem vierten Krankheitstag muss das Attest her.

Genau diese Grundregel wird jetzt umgedreht. Künftig ist das Attest ab Tag eins der Standard; abweichen kann man nur noch über Arbeits-, Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarung. Das klingt nach einem Detail, ist aber ein Dammbruch: Bisher musste ein Betrieb Misstrauen aktiv anordnen. Künftig ist Misstrauen voreingestellt — und wer seinen Beschäftigten vertrauen will, muss sich das Vertrauen erst per Vereinbarung erkämpfen.

Kurz gesagt: Die Regel ist zugleich Symbolpolitik und echter Zugriff. Sie senkt keinen einzigen Krankenstand — aber sie schiebt Millionen Beschäftigte, deren Betriebe sich um Tag-eins-Atteste nie geschert haben, automatisch unter die schärfere Regel.

Kranke gehören ins Bett, nicht ins Wartezimmer

Der zweite Baustein — die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung — ist gesundheitspolitisch schlicht widersinnig. Wer eine Erkältung hat, soll sich künftig wieder ins volle Wartezimmer setzen, nur damit ihm eine Ärztin „viel trinken und Ruhe" verordnet und einen Zettel ausfüllt. Das ist aus mehreren Gründen falsch:

  • Es ist schlecht für die Kranken selbst, die sich krank durch die Stadt schleppen, statt sich auszukurieren.
  • Es ist schlecht für alle anderen im Wartezimmer — für die Schwangere, den Krebspatienten, das Kind, das nur zur Impfung wollte und sich stattdessen den nächsten Infekt einfängt.
  • Es ist schlecht für die Praxen, die ohnehin am Limit arbeiten. Mehr Bagatellfälle heißt längere Wartezeiten für die, die wirklich Hilfe brauchen.

Und der Kern des Ganzen: Für einen Missbrauch der Telefon-AU gibt es schlicht keine belastbaren Belege. Krankenkassen wie AOK und DAK und die Bundesärztekammer sind sich einig — der vielzitierte Anstieg der Krankmeldungen ist vor allem ein Statistikeffekt der elektronischen Erfassung seit 2022. Man bekämpft hier also ein Problem, das es in dieser Form gar nicht gibt.

Ein Misstrauensvotum gegen die, die den Laden am Laufen halten

Was mich am meisten stört, ist die Haltung dahinter. Diese Regeln behandeln Millionen Beschäftigte — Pflegekräfte, Busfahrerinnen, Handwerker, Verkäuferinnen —, die dieses Land jeden Tag am Laufen halten, unter Generalverdacht. Als müsse man sie mit Attestpflicht und Strafandrohung erst zur Arbeit zwingen.

Das ist nicht nur ungerecht, es ist politisch brandgefährlich. Wer den Menschen signalisiert, dass der Staat ihnen grundsätzlich misstraut, treibt sie genau jenen Kräften in die Arme, die von Enttäuschung und Wut leben. Vertrauen ist kein weiches Gefühl — es ist der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält. Man verspielt es nicht für eine Schlagzeile über „harte Entscheidungen".


Was stattdessen zu tun wäre

Kritik ohne Vorschlag ist billig. Wenn hohe Fehlzeiten wirklich das Problem sind, dann sollten wir an die Ursachen ran statt an die Symptome. Vier Ansätze:

  • Ursachen erforschen statt Verdächtigen. Warum sind die Krankenstände gestiegen? Belastung, psychische Erkrankungen, Personalmangel — das gehört untersucht, bevor man ganze Belegschaften unter Verdacht stellt.
  • Recht auf Homeoffice, wo der Job es zulässt. Wer mit leichtem Infekt am Laptop arbeiten kann, sollte das dürfen, ohne ins Büro und ins Wartezimmer zu müssen. Für Pilotinnen, Bauarbeiter oder Feuerwehrleute geht das nicht — für viele andere schon.
  • Abgestufte Krankmeldung ermöglichen. Unser Arbeitsrecht kennt bisher fast nur „100 Prozent fit" oder „100 Prozent krank". Wer einen Tag Magen-Darm hat, wird oft gleich für die ganze Woche krankgeschrieben. Ein halber Tag, reduzierte Stunden — das wäre menschlicher und effizienter.
  • Positive Anreize statt Strafandrohung. Viele Betriebe zahlen längst Prämien für geringe Fehlzeiten. Solche Prämien könnte der Staat steuerlich begünstigen — das belohnt Gesundheit, statt Kranke zu bestrafen.

Und die Ironie am Rande: Ausgerechnet am 10. Juli stimmt der Bundestag über die Teilzeit-Krankschreibung ab — bei längeren Erkrankungen soll man künftig stundenweise arbeiten und sich für den Rest krankschreiben lassen können. Dieselbe Regierung erkennt beim langen Krankheitsfall also an, dass „arbeitsfähig oder nicht" kein sinnvolles Entweder-oder ist — und verordnet beim kurzen Krankheitsfall die plumpste Alles-oder-nichts-Logik. Der richtige Schluss wäre, dieses kluge Prinzip nach unten zu verlängern, nicht es zu verraten.

Vertrauen rechnet sich

Gute Politik rechnet mit, ohne die Menschen zu vergessen. Diese Regeln tun das Gegenteil: Sie kosten Zeit, Geld und Vertrauen — und bringen beim eigentlichen Ziel nichts. Wir sollten den Beschäftigten dieses Landes mit weniger Bürokratie und mehr Zutrauen begegnen. Misstrauen ist kein Standortvorteil.